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Die Sache mit der Kastration!



Das Kastrieren des eigenen Hundes gehört heutzutage schon fast in die Grundausstattung eines jeden Hundelebens. Dabei sind die Gründe dafür oft sehr fadenscheinig und von Mythen und Märchen durchzogen, wobei es zudem an Aufklärung durch Tierärzte und andere Profis fehlt. Dem verantwortungsvollen Hundehalter bleibt, wie so oft, die Qual der Wahl und das eigenständige Zusammensuchen von aussagekräftigen Studien.

Ein kleiner aber wichtiger Unterschied:

„Kastration bedeutet Entfernung der Geschlechtsorgane, unabhängig davon, welches Geschlecht gerade unters Messer kommt. Sterilisation bedeutet „Fortpflanzungsunfähigmachung“ durch Durchtrennung der ausleitenden Kanäle.“ (Gansloßer, SitzPlatzFuss, Ausgabe 02, S.54) Egal ob sterilisiert oder kastriert, beide Vorgehensweisen sind in Deutschland gesetzeswidrig und damit sind auch die sogenannten Übernahmeverträge aus dem Tierschutz, die die Kastration eines Hundes fordern, als nicht existent zu betrachten. Der § 6, das Amputationsverbot, verbietet generell einem Tier Organe ohne medizinische Indikation zu entfernen. „Um es etwas plakativ zu sagen, einen Hund aus Gründen einer angeblich besseren Erziehbarkeit oder ähnlichen Argumenten zu kastrieren, wäre nichts anderes, als einem Hund, der ständig jagen geht, ein Bein abschneiden zu wollen“, so Dr. Udo Gansloßer.

Das in Deutschland in Mode kommende Verfahren der frühzeitigen Kastration (Kastration vor dem Abklingen der Pubertät), ist nach verhaltensbiologischer Sicht abzulehnen. Denn die Sexualhormone haben nicht nur Wirkung auf das spätere Sexualverhalten, sondern nehmen eine ganze Reihe ordnender Optionen wahr. „Die Östrogene, teilweise aber auch das Testosteron, sind an der Verschaltung und Umordnung von Nervenzellen und Nervenfasern im Gehirn an vielen Stellen beteiligt, z.B. in den mit Stressverarbeitung, sozialer Kompetenz und sozialer Intelligenz befassten Hirnregionen. … Von den körperlichen Auswirkungen auf Knochenwachstum, Herz-Kreislauf-System etc. wollen wir hier nicht weiter reden.“ (Gansloßer, S.55)

Nach der Bielefelder Kastrationsstudie gaben 81% der befragten Halter von Hündinnen an, dass sie eine Kastration aus medizinischen Gründen durchgeführt haben. So werden meistens Gebärmutterentzündung, Gesäugetumore und die sogenannte Scheinschwangerschaft angeführt. Die Frage, wie viele Hündinnen denn überhaupt von Gesäugetumoren befallen werden, stellt sich meist kein Hundehalter. Die durchschnittliche Zahl liegt hier nämlich bei 0,2 – 1,8 %. „Die Vermeidung von Gesäugetumoren kann also, wenn sie sich auf die Gesamtpopulation aller im Hausstand befindlicher Hündinnen bezieht, wahrlich kein Argument für die Kastration…sein“ (Gansloßer, S.56) Laut neuesten Studien wurde das Risiko für solche Tumoren durch andere Faktoren abgelöst: zu eiweißreiches/ zu energetisches Futter, Fettleibigkeit im ersten Lebensjahr oder mehrmalige hormonelle Unterdrückung der ersten Läufigkeit.

Die Sache mit der Aggression:

Hündinnen, die während der Läufigkeit zu „Zickigkeiten“ neigen, können durch eine Kastration positiv beeinflusst werden. In den allermeisten Fällen wirkt sich eine Kastration von generell aggressiveren Tieren eher negativ aus. Dies liegt zuweilen daran, dass sie zuvor schon einen erhöhten Testosteronspiegel hatten und durch die Kastration quasi das letzte Kontrollglied, sprich Östrogen, entfernt wird. „Angst-, Unsicherheits- und Panikaggression, allgemeines Unsicherheits- und Angstverhalten sowie Jagd- und Beutefangverhalten sind auch unabhängig von Sexualhormonen zu sehen. Gerade bei sehr stark jagdlich motivierten Hündinnen gibt es Beobachtungen … wonach das Jagdverhalten nach der Kastration sogar schlimmer würde.“ (Gansloßer, S.58)

Bei den Haltern von Rüden wird laut der Bielefelder Studie zu 74% unerwünschtes Verhalten als häufigster Grund für die Kastration des Hundes genannt. Die Annahme, eine Kastration könne die Aggressivität des Hundes vermindern, beruht auf der undifferenzierte Aussage, Aggression sei Sexualhormon gesteuert. Dabei werden unterschiedliche Formen und Auswirkungen von aggressiven Verhalten einfach in einen Topf geworfen. „So sind beispielsweise angstaggressive Hunde gesteuert vom Stresshormonsystem. Häufig ist das passive Stresshormon Cortisol hier ursächlich zu nennen.“ (Gansloßer, S.59) Dieses wird in der Nebennierenrinde gebildet.

Neben den vielen Ursachen von Aggression ist letztlich vor allem die statusbedingte Aggression teilweise von Testosteron gesteuert, „aber auch die im Gehirn produzierten Botenstoffe Serotonin, Dopamin und noch andere sind an der Steuerung von Wettbewerbs-, Status-, Rangordnungs- und Territorialaggression in der Tat mitbeteiligt.“ (Gansloßer, S. 61) Mit der Aggressivität sollte demzufolge sehr zaghaft umgegangen werden und vielleicht eher ein genauerer Blick auf die Gesamtsituation innerhalb der Hund- Mensch- Beziehung gelegt werden.

Und die Hypersexualität?

Das, was häufig als hypersexuelles Verhalten bei Hunden beschrieben wird, stammt meist nicht aus dem Funktionskreis des Sexualverhaltens. Denn das „Aufreiten“ hat nicht immer etwas mit Sexualverhalten zu tun. „Es kann sich um Übersprungshandlungen oder um Bewegungsstereotypien … oft auch um Spielverhalten handeln.“ (Gansloßer, S.63) Im Übrigen sind kastrierte Rüden durchaus noch in der Lage einen kompletten sexuellen Akt inklusive „Hängen“ zu erfüllen. Und auch die läufigen Hündinnen lassen sich in der Stehphase von Kastraten überzeugen. Allein wenn übermotivierte sexuelle Handlungen vorliegen, sollte man mit professioneller Hilfe der Sache auf den Grund gehen. In solchen Fällen empfiehlt sich eine Art „Probelauf“ mit einem HormonChip. Dieser erlaubt im Gegensatz zur Hormonspritze eine zuverlässige Unterdrückung der Sexualhormonproduktion, kann aber in den ersten Wochen zu einem verstärkten Anstieg des Testosteronspiegels führen.

Doch darüberhinaus gilt: „Wer als Mensch seinen Führungsanspruch nicht glaubhaft vermitteln kann, darf nicht denken, dass der Hund ihn nach einer Kastration eher als ernst zu nehmende Persönlichkeit akzeptiert.“ (Gansloßer, S.64)

Anmerkung des Autors: Alle hier angeführten Angaben beziehen sich auf Ergebnisse der Bielefelder Hundestudie und Aussagen Dr. Udo Gansloßers in der aktuellen Ausgabe des Bookazins: SitzPlatzFuss